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Vortrag über

Johann Heinrich Pestalozzi – der berühmteste Schweizer Pädagoge

von Chantal Secretan
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Eltern-Kind-Beziehung im Jugendalter

Eltern-Kind-Beziehung im Jugendalter

Zusammenfassung des Vortrags von Dr. A. Schächter

Die im Erziehungsprozess stehenden Eltern sind verunsichert. Dies gilt für Eltern kleiner Kinder und erst recht für Eltern von Jugendlichen. Daher ist es wichtig, die Brücke zwischen Jugendlichen und Eltern für beide neu begehbar zu machen, indem den Eltern der Rücken gestärkt wird und ihnen so wieder zu Beziehungs-und Handlungsfähigkeit in ihrer Aufgabe als Eltern verholfen wird.

Wenn wir das Spektrum der Eltern-Kind-Beziehung im Jugendalter ausleuchten, so können wir den Bereich der gelungenen Entwicklung betrachten, -und wir können den Bereich der problematischen Entwicklung betrachten. Beide Verläufe, der gelungene sowie der problematische, stellen besondere Anforderungen an die Eltern.

Gelungener Entwicklungsverlauf: Eigenständigkeit in Verbundenheit

Die Bindungspsychologie nennt als Ziel gelungener Erziehung: Eigenständigkeit in Verbundenheit. Dies meint aber bindungspsychologisch betrachtet nichts Selbstbezogenes, sondern die Fähigkeit, eine Position im  Leben einzunehmen und diese auch zu vertreten, weil man sie für richtig erkannt hat.

Kerngedanke in der Bindungspsychologie ist, dass derjenige Mensch, ein erfülltes Leben haben wird, der eigenständig und kompetent handelt und gleichzeitig mit seinen Mitmenschen verbunden ist. Diese kompetente Selbständigkeit entwickelt sich umso besser, je deutlicher die Verbundenheit mit den Eltern aufrechterhalten wird. Der Rückgriff auf sichere Bindungen macht es dem Jugendlichen leichter, abzuwägen, welche Ziele er in seinem Leben verfolgen möchte. Die Verbundenheit mit den Eltern ermöglicht ihm den unbelasteten Spielraum für Erkenntnisse über sich, die eigenen Eltern und die weitere Gemeinschaft. Gerade dieser Entwicklungsschritt erfordert von den Eltern sehr viel Grossmut, Sicherheit und Vertrauen in ihre Jugendlichen. Es lohnt sich aber, dies aufzubringen, im Wissen darum, dass der Jugendliche Eigenständigkeit am besten erlernt, wenn er in Verbundenheit bleibt.

Loslösen von den Eltern oder Verbundenbleiben?

In der Pädagogik des Jugendalters stehen sich in den letzten 30 Jahren zwei einander widersprechende Grundhaltungen gegenüber. Die eine besagt, dass Jugendliche der Anleitung und des Schutzes ihrer Eltern bedürfen. Die zweite Theorie, die in den 70er Jahren in den Vordergrund rückte, der Ansatz der emanzipatorischen Erziehung, stellt den Aspekt der „Loslösung vom Elternhaus“ ganz in den Vordergrund. Es wurde den Eltern empfohlen, sich aus der Erziehung zu verabschieden. Eltern wurden angewiesen, den Jugendlichen eigene Erfahrungsräume zuzugestehen, da sie sonst die Opposition unnötig verstärken würden.

Doch diese Theorie ist falsch. Der Jugendliche braucht die sichere Basis seiner Eltern. Wenn Jugendliche Probleme haben und feststellen, dass sie diese nicht alleine lösen können, suchen sie den Beistand ihrer Eltern. Deshalb ist es die Aufgabe der Eltern, im Leben ihrer Kinder präsent zu bleiben.

Heranwachsen in Verbundenheit mit den Eltern

Heute liegen empirisch sorgfältig ausgewertete Langzeitstudien zum Jugendalter vor, in denen Kinder von der Geburt an in längeren Abschnitten immer wieder klinisch untersucht wurden. Die Untersuchungen begannen kurz nach der Geburt und wurden in der Säuglings- und Kleinkindzeit, im Schulalter, im Jugendalter und in der jungen Erwachsenenzeit bis zum 20. resp. 22. Lebensjahr fortgeführt. Unter anderem wurden ausführliche Interviews mit den Jugendlichen geführt. Aus diesen lassen sich über das Jugendalter sehr aufschlussreiche Aussagen ableiten:

Studien belegen klar, dass eine kompetente Selbständigkeit im Jugendalter dann besser gelingt, wenn die Jugendlichen mit den Eltern verbunden bleiben. Diese Verbundenheit muss im Verlauf des Jugendalters von beiden Seiten neuen Wert und neu gestaltet werden.

Selbständigkeit entwickelt sich besser in Verbundenheit mit den Eltern

Ein sicher gebundener Mensch sucht in Momenten von Unsicherheit und Not jene Menschen auf, von denen er sich Hilfe und Unterstützung erhofft. Dies gilt im Kleinkindalter, im Jugendalter und im Erwachsenenalter bis hinein ins hohe Alter.

Wenn Kleinkinder sich bei ihren unmittelbaren Bezugspersonen, vor allem die Eltern,  sicher und aufgehoben fühlen, können sie ihre Umwelt besser erkunden. In Momenten der Unsicherheit sucht der Säugling unmittelbar die Mutter auf, um sich ihrer Unterstützung sicher zu sein. Bei ihr fühlt er sich sicher, er „leiht“ sich ihre Sicherheit sozusagen „aus“. Fühlt er sich – meist nach wenigen Momenten – wieder sicher, beginnt er erneut die Umgebung zu erforschen.

Als Eltern sind wir aufgefordert, feinfühlig hinzuhören, ob das Kind oder der Jugendliche die Abstützung braucht, wenn er uns an seiner Lebenssituation teilhaben lässt, wenn er uns sein Gefühl offenbart. Wir sind gefordert, nicht zu sehr in Sorge mitzuschwingen, sondern den Jugendlichen so zu unterstützen, dass er die anstehende Lebensaufgabe in seiner eigenen Art bewältigt.

Die Balance  zwischen Nähe und Freiraum gilt auch im Jugendalter als Sinnbild. Auch der Jugendliche braucht immer wieder den Rückhalt und den Schutz durch die Eltern, wenn er sich unsicher fühlt. Hat er wieder Sicherheit aufgetankt, fällt es ihm leichter, seine eigenen Schritte zu machen. Nur wer Wurzeln hat, kann frei sein, nur wer Rückhalt sucht und erfährt, ist in der Lage, sich sicher und anpackend im Leben zu bewegen.

Eltern verlieren nicht an Bedeutung im Jugendalter

Sogar im Erwachsenenalter bleibt die Beziehung zwischen Eltern und Kind immer etwas Besonderes. Auch wenn es eine unsichere Beziehung ist und sogar wenn mancher Jugendliche seine Eltern mit Worten herabstuft, so ist auch für ihn die Elternbeziehung wichtig und einflussreich – im Positiven wie im Negativen. Im Jugendalter gewinnen zusätzlich die Beziehungen zu Freunden, die Liebesbeziehungen und auch Beziehungen zu anderen Erwachsenen an Gewicht. Dies ermöglicht dem Jugendlichen eine breitere Basis, auf die er sich abstützen kann. Trotz wachsender Selbstbestimmung und Selbständigkeit in vielen Lebensbereichen und trotz der eintretenden Unabhängigkeit von der Fürsorge der Eltern, bleiben die Eltern jedoch für die meisten Jugendlichen immer noch die wichtigste Quelle von Sicherheit und Rückhalt.

Mit dem Heranwachsen wird die Aufsicht über das Kind weniger eng. Im frühen Jugendalter wissen die Eltern mehrheitlich, wo der Jugendliche sich befindet und was er tut. Auch der Jugendliche weiss, dass es die Eltern wissen. Im Verlauf des Jugendalters tritt die Kontrolle mehr und mehr in den Hintergrund und das Interesse für und am anderen, Freundschaft und Anteilnahme treten in den Vordergrund. Dies alles geht in kleinen Schritten. Bei Gefahr im Entwicklungsverlauf muss die elterliche Präsenz wieder erhöht werden.

Erwachsene sind sich heute oft zu wenig bewusst, wie reich sie durch die Erfahrungen des Lebens sind und welche Anleitung sie daher ihren Kindern geben können. Sie dürfen in Situationen, die dies erfordern nicht davor zurückschrecken, dem Jugendlichen Reibungsfläche zu bieten.

Selbstverständlich muss gesagt werden, dass es auch ein zu viel an elterlicher Einmischung im Jugendalter geben kann. Eltern, die sich zu sehr in das Leben ihrer Jugendlichen einmischen und mit Druckausübung erziehen wollen (z. Bsp. im Schulbereich), erleben oft Feindseligkeit beim Jugendlichen. Hier ist es wichtig gemeinsam mit den Eltern  heraus- zufinden, wie sie sich in Konfliktsituationen verhalten. Trauen sie sich zu in Konflikte hineinzugehen oder halten sie sich draus oder überspannen sie den Konflikt?

Erzieherische Begleitung in problematischen Entwicklungsverläufen

Bei handfesten Problemen im Jugendalter erfordert es viel Kraft und Sicherheit, den Jugendlichen die nötige Reibungsfläche zu bieten.

Viele der Eltern, die problematische Jugendliche haben, fürchten sich vor ihnen. Die Kinder hatten durch aufsässiges Verhalten, durch Schläge, durch Suiziddrohungen, durch offene Gewalt und destruktives Verhalten das Heft in die Hand genommen. Haim Omer, Professor für Psychologie in Tel Aviv, begann Ghandis Konzept des gewaltlosen Widerstands auf die Haltung der Eltern zu übertragen. Ein gelungenes Bild für die Entschlossenheit der Eltern, mit der sie den „langen Marsch“ gegen eingespielte und gefestigte Fehlverhaltensweisen des Jugendlichen antreten müssen. Wohlgemerkt nicht gegen den Jugendlichen sondern gegen sein Fehlverhalten! Das wichtigste Ziel ist es, dass Eltern in ihrer Familie wieder präsent werden. Sie müssen Präsenz und Konsequenz markieren und sie leben. Dies bedeutet Anwesenheit, inneres Da-Sein der Eltern. Verunsicherte Eltern übernehmen diese Aufgabe in der Erziehung nicht ausreichend. Durch mangelnde äussere oder innere Präsenz geraten Eltern sodann zunehmend an den Rand der Familie und werden immer stiller. Dadurch kann das Kind seinen verhängnisvollen Weg weiter gehen und bleibt dabei innerlich allein. Nur wenn Eltern wirklich präsent in der Familie sind, kann das Kind sich sicher und aufgehoben fühlen. Erfüllt ein Elternteil stets die Wünsche des Kindes, lässt er es in einem leeren Raum zurück.

Wichtig ist auch, dass nicht das Kind oder der Jugendliche den Platz in der Mitte der Familie behaupten soll, erst recht nicht mit seinen Unsicherheiten oder mit destruktivem Verhalten. Es ist dies der Platz, den die Eltern einnehmen müssen. Es ist ihre Verantwortung, diesen Platz mit ihren Lebensvorstellungen, mit Gesprächen über das Leben und die Welt, mit ihren Werten zu füllen.

Wenn Jugendliche noch nicht in der Lage sind in ihrem Lebensumfeld verantwortlich und mitmenschlich zu handeln, dann sind die Eltern gefordert, diese Verantwortung mehr zu übernehmen und den Jugendlichen wieder enger zu führen. Eltern dürfen hier nicht weiter zögern. Sie dürfen aber auch nicht in einen Machtkampf mit dem Jugendlichen treten, sondern das Kind als Gegenüber sehen, dem die Erfahrung noch fehlt. Mit dieser Gesinnung werden den Eltern auch die richtigen Worte und Handlungen einfallen. Dabei ist es wichtig, dass beide, Erwachsene und Jugendliche, ihr Gesicht als gleichwertige Partner wahren können sollen.

Die Botschaft der Eltern könnte z.Bsp. lauten: „Ich möchte von dir eine Entscheidung. Du bist mir so viel wert, dass ich wissen will, ob du bereit bist, mit mir über die Drogen (über Freunde, Umgang mit Konsumartikel usw.) zu reden.“

Wenn der Jugendliche darauf eingeht, ist ein wichtiger Schritt getan. Er beginnt langsam wieder, seine Eltern als Sicherheitsbasis anzuerkennen. So öffnet sich das Feld, dass er seine Lebensaufgaben wieder angeht und Wege beschreitet, die ihn im Sinne des Gemeinwohls wirken lassen

Nur wenn sich die Erwachsenen ihrer elterlichen Aufgabe bewusst sind und beginnen, sie sicher auszufüllen, kann eine neue Weichenstellung für den Jugendlichen erfolgen. 

Kinder haben ein Recht auf Eltern, die Orientierung geben und Richtung weisen. Und die Eltern haben die Pflicht, diese Aufgabe zum Wohl ihrer Kinder zu übernehmen, auch wenn diese manchmal länger nicht eingehen und folgen können. Strassenschilder werden auch nicht abgebaut, wenn manche Autofahrer sich nicht an sie halten.

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